BILD-Studie Teil 2 Wahlspecial: Geschlechter-Ungleichheit im Politikressort

Wir schreiben das Jahr 2017. Nur noch ein Jahr trennt uns vom hundertjährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts in Deutschland, und in mancher Hinsicht ist in diesen 100 Jahren ganz schön viel passiert. Zwar sind immer noch lediglich 37,1% der Sitze im Bundestag mit Frauen besetzt, aber der Fortschritt der Gleichberechtigung in der Politik scheint nicht aufzuhalten zu sein: Sieben von sechzehn Mitgliedern der Bundesregierung sind Frauen. Mit Linken und Grünen setzen zwei der vier Parteien im Bundestag auf eine Frauenquote für Gremien von 50%.

 

Unsere Bundeskanzlerin ist eine Frau, und sogar eine Partei wie die AfD, die gerne von “Genderismus” und natürlichen Geschlechterrollen faselt, hat eine Spitzenkandidatin. Scheinbar bewegt sich ganz Deutschland langsam, aber sicher auf eine politische Gleichberechtigung der Geschlechter zu. Ganz Deutschland? Nein, eine von unbeugsamen Sexist*innen besetzte Redaktion hört nicht auf, diesem Unsinn Widerstand zu leisten.

Die Studie

In unserer kürzlich veröffentlichten BILD-Studie haben wir uns ausführlich damit auseinandergesetzt, wie die Zeitung geschlechtsspezifisch mit Statusbezeichnungen umgeht – also mit der Frage, über wen wie oft und als was berichtet wird. Wie in den anderen Ressorts bleibt die BILD dabei weit hinter der gesellschaftlichen Realität zurück – man könnte fast sagen, sie versucht mit aller Kraft, das Rad der Zeit rückwärts zu drehen und die politische Arbeit, die Frauen leisten, so stark wie möglich zu minimieren.

 

Von allen Bezeichnungen im Bereich Politik entfallen lediglich 25,6% auf Frauen – obwohl wie oben bereits genannt, Frauen zu 37,1% im Bundestag vertreten sind und trotz der Tatsache, dass eines der wichtigsten – und die meisten Nachrichten generierenden – politischen Ämter in Deutschland, von einer Frau besetzt ist: das der Bundeskanzlerin.

 

Diese Tatsache spiegelt sich zumindest in der Tatsache wider, dass „Kanzlerin“ es in die Top 10 der Statusbezeichnungen schafft, die die BILD im Politik-Ressort verwendet. Allerdings ist “Kanzlerin” hier auch einer von nur drei Bezeichnungen, die Frauen betreffen, und die einzige, die mehr politischen als repräsentativen Charakter hat - die anderen beiden sind “Königin” und “Queen.” Der Rest der meistgenannten Statusbezeichnungen im Bereich Politik entfiel auf Männer und bezeichnete, überwiegend inhaltlich aussagekräftige Ämter wie “Finanzminister” oder “Premier.”

Das mag zum Teil dadurch erklärbar sein, dass Ämter mit hohem Nachrichtenwert oft von Männern besetzt sind. Allerdings sind es auch Medien wie die BILD, die durch ihre Berichterstattung dafür sorgen, dass etwas als „Nachrichtenwert“ wahrgenommen wird. Und an weiblich besetzten Ämtern von politischer Bedeutung mangelt es bei weitem nicht, da hätten wir beispielsweise eine Ministerin für Arbeit und Soziales, eine Bildungsministerin und mehrere Spitzenkandidatinnen.

Auffällig ist auch, dass die Bezeichnung „Politiker“ durchaus etabliert ist – während das Gegenstück „Politikerin“ kaum auftaucht. Stattdessen gibt es für Frauen Konstruktionen, die ihr Geschlecht in den Vordergrund rücken („AfD-Frau“) oder selbst dort, wo es um ihre eigenständige politische Meinungsäußerung geht, eine Familienbeziehung in den Vordergrund gerückt wird (etwa „Clinton-Tochter“ für Chelsea Clinton).

"Was macht Politik so sexy, Frau Hein?"

Weitere sexistische Trends spiegeln sich jenseits der Statusbezeichnungen in den Schwerpunkten nieder, die BILD in ihrer Berichterstattung im Politik-Ressort setzt. So fanden sich etwa in der Berichterstattung über den G20-Gipfel ähnlich viele Beiträge zu „Damenprogramm“ und der Mode, in der sich weibliche Teilnehmerinnen des Programms blicken ließen, wie zu politischen Inhalten. Einen Beitrag mit „Was macht Politik so sexy, Herr X?“ zu betiteln wäre undenkbar – der Artikel „Was macht Politik so sexy, Frau Hein?“ existiert hingegen wirklich und verrät erst im dritten Absatz überhaupt, welcher Partei die Interviewte angehört – von politischen Positionen ganz zu schweigen.

Damit illustriert der Beitrag sehr gut, wie allgemeine Trends der Berichterstattung über Frauen auch ins Politikressort überschwappen. Werden Frauen ressortübergreifend besonders häufig durch ihre Familienbeziehungen oder sexuelle Biographie gekennzeichnet, zeigt sich das im Bereich Politik darin, wie ihr Aussehen kommentiert wird, welche Fragen ihnen gestellt werden und, nicht zuletzt, wie über Themen, zu denen sie Politik machen, gesprochen wird.

 

Die Bezeichnung „Ehekrach“, die während der Auseinandersetzung zur Ehe für alle gerne verwendet wurde, liegt beispielsweise thematisch recht nahe. Es drängt sich aber doch die Frage auf, ob Berichterstattende so gerne auf diese Wortwahl zurückgegriffen hätten, wenn die beiden an der momentanen Regierungskoalition beteiligten Parteien zwei Männer oder gar zwei Frauen als publikumswirksame Führungspersönlichkeiten gehabt hätten – und damit das mentale Bild des verkrachten heterosexuellen Paars nicht gezündet hätte. Und darauf, dass über einem Bild von Angela Merkel und Theresa May der Begriff „Powerpaar“ prangt, wie unlängst über einer Aufnahme von Merkel mit Emmanuel Macron, müssen wir wohl noch eine Weile warten.